Sonntag, 25. November 2012

Zufällig mitgehört: Faule Berliner vs. fränkischer Leberkäse

Ringbahn S 42, Höhe Südkreuz



Sie: Ende sechzig, dunkelgraues Haar. Trägt einen goldenen Memory Ring am Mittelfinger.
Leicht verwirrt.
Er: Anfang vierzig, braun gewelltes Haar, rosanes Hemd, marineblauer Feinstrickpullover mit V-Ausschnitt, saubere Schuhe.
Cholerisch und sehr laut.

„In Berlin ist das anders“, schreit er. „Ganz anders! Da hat einer seit dreißig Jahren eine Kneipe in einer Straße, aber keinen Billardtisch, und dann fragen Sie den: ‚Wo in der Nähe gibt es einen Billardtisch?‘ und der hat keine Ahnung… Der ist vierzig Jahre alt, lebt schon immer hier und hat KEINE AHNUNG. Weil die alle dumm sind! Dumm sind die - und faul! Wie kann das bitte sein? Dass man sich in der eigenen Stadt nicht auskennt? Dumm sind die! Alle!“

Freitag, 23. November 2012

Dienstag, 20. November 2012

Zufällig mitgehört: Papa weiß alles

U1 Richtung Warschauer Straße.


„Nächster Halt: Schlesisches Tor.“

„Papa, Papa, wieso kommt jetzt das Schlesische Tor?“

„Weil ab hier Schlesien beginnt.“

Olga und die Kotze von Mitte-Mitte

Feierabend. Endlich. Den ganzen Tag bin ich fröhlich wie ängstlich hin und her getänzelt. Immer im Kreis, rechts, links, vorwärts, rückwärts.
Es ist 20:07 Uhr. Der erste Abendnebel in diesem Jahr. Ich beschließe heute wieder zu Fuß zu gehen. Seit Ende September ist die Rathausbrücke wieder geöffnet.
Die Straßen hier in Mitte, mit den teuersten und langweiligsten Büroräumen der Stadt, sind leer, kalt, sauber und in trübe Feuchtigkeit gehüllt. Keine Touristen mehr - die Gegend wirkt um diese Uhrzeit wie die graue Kulisse von „The third man“ aus dem Jahr 1949.

Schon von weitem strahlen die vier leuchtenden Pylonen der Rathausbrücke durch den Nebel. Links versinkt die unbebaute Schlossplatzwiese in der Dunkelheit. Rechts weist ein Baugitter darauf hin, dass hier vor Kurzem noch gearbeitet wurde. Ich laufe mitten auf der Straße, Autos dürfen hier eh nicht fahren. Kein Müll, kein Dreck, keine Risse im Teer.

Gerade will ich die neue Stahlverbundträgerrostkonstruktion betreten, da sehe ich etwas Winziges an der Balustrade vorbeihuschen. Ich trete vorsichtig näher. Im vernebelten Schein der Pylonen erkenne ich sie wage. Eine Maus. Sie ist flink und wuselig, aber sie flüchtet nicht, sie versteckt sich nicht. Sie wirkt eher, als würde sie tanzen. Ob ihr kleines Mäusehirn wohl gerade Soul und Funk abspielt? Oder gar Minimal? Oder doch eine ungarische Volksmelodie?

Sie tänzelt jedenfalls fröhlich wie ängstlich hin und her. Immer im Kreis, rechts, links, vorwärts, rückwärts. Dabei kommt sie letztlich immer näher auf mich zu. Ich bemerke unmittelbar vor meinen Schuhen, kaum sichtbar, einen großen Schwall Kotze. Hier, mitten in der Sauberkeit von Mitte-Mitte.

Nein, kleine Olga, komm mir nicht zu nah! Du rennst sonst mitten ins Erbrochene, das der besoffene Karl-Heinz aus Donauwörth letzte Nacht hier ausgekübelt hat!

Doch Olga hat offensichtlich bessere Augen als ich und macht einen – für ihre Dimensionen – großen Bogen um die säuerliche Pfütze. Nun ist sie mir so nahe, dass sie mir fast auf die Hand springen könnte. Sie hat Hinterbeine wie ein Känguru, ihre schwarzen Knopfaugen blicken mir neugierig und treu entgegen. Was macht so ein ungewöhnliches Tier abends alleine auf einer Brücke am Spreeufer? Sightseeing? Wohl kaum.

"Wo sind denn Deine Homies?" Ich höre mich mit Olga sprechen. Unten stehen fünf Angler am Ufer und schauen vorwurfsvoll zu mir hinauf. Ja, ja, ich verzieh' mich ja gleich. Wenigstens konnten sie mich mit ihren stummen Blicken nicht duzen...

Ich blicke auf die Brücke. Die Pylonen strahlen nicht nur kühles Licht, sondern auch etwas Beängstigendes aus. Sie erinnern mich irgendwie an den Glaskasten aus dem Film „The Cell“, in dem der psychopathische Serienkiller Carl seine weiblichen Opfer gefangen hält, bis er den Kasten nach und nach mit Wasser fluten lässt.

Der Berliner Dom ist kaum zu erkennen, obwohl nur einen Katzensprung entfernt. Ich lehne mich ans Geländer, in der Hoffnung, dass den elenden Kreuzspinnen heute Abend zu kalt ist, um hier draußen abzuhängen. Die Pfeiler sollen wohl Äste nachahmen. Der Handlauf wurde aus afrikanischem, goldbraunem Iroko-Holz gefertigt.
Ich streiche über die Oberfläche. Aha! Das ist also zweihäusig getrenntgeschlechtiges Maulbeergewächs. Diözisch, natürlich. Ist ja klar.

Die Angler unter mir hoffen immer noch auf einen guten Fang. Ich habe das noch nie verstanden. Rumstehen und warten... Sollen die doch einfach S-Bahn fahren! Dafür braucht man nicht mal eine Angel.

Auf dem schwarzen Wasser liegt ein Frachter voller Bauschutt. Rostig und alt. Ein Kran steht schwer und still daneben.
Wie aus dem Nichts gleitet ein Schiff unter der Brücke hervor. "Belvedere" steht auf dem Bug. Sie ist schneeweiß und leuchtet wie ein Weihnachtsbaum. Ich sehe Menschen, sie tanzen, sie trinken. Sie zahlen ein Vermögen, um einmal Klischee-Tourist auf der Spree spielen zu dürfen.

Ach Berlin. Du übermächtiges Chamäleon. Du hässlich-schönste aller Städte.
Ach ich, Du übermüdete Maus.
Ich blicke zu Boden.
Olga hat sich wohl dagegen entschlossen, mein neues Haustier zu werden, und ist Richtung Hochschule für Musik weitergezogen. Wahrscheinlich ist sie dort eh besser aufgehoben als bei mir.

Montag, 19. November 2012

Zufällig mitgehört: Jennys Möpse waren wohl zu groß


U7 Richtung Rudow, Höhe Kleistpark.

Fünf schnöselige Anfangzwanziger, alle mit teuren Schals lässig um den Hals gewickelt.

"Miguel war doch NIE mit Jenny Reich zusammen gewesen?!"
"Doch!"
"Nein!"

"Doch!"
"Nein!"
"Die sind doch beide in meiner Klasse gewesen... Ich wüsste das doch!"
"Doch!"
"Nein!"
[...]
"Die hatte doch 'ne Brustverkleinerung..."
"Echt?"
"Ja, hatte die!"
"Warum macht man denn sowas, bitte?! Ich verstehe das nicht... Wenn man schon SOOO von der Natur gesegnet wurde."

Alle lachen zustimmend.

Und auch Jenny denkt sich wohl: Haha. Wahnsinnig lustig.

Montag, 5. November 2012

Und am Montag gönnt Lana sich einen Bubble Tea



Zuerst kannte es niemand. Dieses nach Spülmittel schmeckende Gesöff aus Fernost. Ja, es existierte nahezu nicht, zumindest nicht in unserem Blickfeld.
Und dann, auf einmal: überall!
Alle babbelten nur noch vom Bubble Tea.
Alle nuckelten an bunten Plastikhalmen, alle zogen den flüssigen Stoff tief in ihre Kehlen hinein, alle wollten das Mark des Lebens in sich aufsaugen, um alles auszurotten, was nicht Leben war.
Aufstechen, reinstoßen, inhalieren.
Es bubbelte, gluckerte und schlürfte an allen Straßenecken und Bahnsteigenden.
Bubble Tea – quasi das urbane Lana-del-Rey-Phänomen!
Vor wenigen Tagen noch warst Du verschont, in Sicherheit - und plötzlich bist Du umzingelt!
Findest Dich wieder in einer Matrix voller Zucker und Lebensmittelfarben. Gelber, grüner, blauer Gelee-Kaviar klebt an Deinem feuchten Gaumen. Platzt langsam auf, entledigt sich seines glibberigen Inhalts.
Bubble Tea. Das ist die wahre summertime sadness!
Bubble Tea. Born to die.
Bubble Lana. Tea del Rey.
Bubble Rey – das ist die Sehnsucht nach der Vergangenheit. Nach süßer Kindheit, nach auftoupiertem Beehive, nach vielen bunten Smarties, nach dem Marylin-Monroe-Gedächtnisfleck.
Und da holt sie uns plötzlich ein, die Vergangenheit. Lauert an jeder Straßenlaterne, die alte Schlampe. Blickt uns gelangweilt an der Bushaltestelle entgegen. Leuchtet neon-pink in Mitte, Friedrichshain, Neukölln, Marzahn, Prenzlberg bis tief hinein nach ZEHLENDORF.
In ganz Berlin, in ganz Deutschland (ok, für Inselberliner IST Berlin ganz Deutschland…).
Ein Trend überflutet die Republik. Alle wollen gelangweilt Bubble Tea trinken und dabei vintage aussehen.
Alle wollen süßen Tee von Lanas Schlauchbootlippen schlecken, wollen Popping Bobas aus ihrem Stupsnäschen saugen. Wollen sich in Lanas rosanen Acrylpulli des schwedischen Modehauses vergraben und mit der Vergangenheit verschmelzen.
Lana del Rey und Bubble Tea – das waren in den 70ern noch Uschi Obermaier und Schleckmuscheln.  Das waren in den 80ern noch Madonna und Schöllers BumBum-Eis. Das waren in den 90ern Britney Spears und Milkas Lila Pause.
Lana del Rey... Bubble Tea...
Wo warst Du nur all die Jahre? Und wann verschwindest Du endlich wieder???

Mittwoch, 31. Oktober 2012

Auch Adolf hatte Paradontose

Zum  Schwerbelastungskörper in Berlin-Tempelhof.

Armer Adolf. Der Sack hatte ja angeblich nur einen Hoden. Und auch sonst: Verdauungsprobleme, chronische Magenprobleme, Blähungen, schlechte Zähne, starker Mundgeruch, Parandontose, tablettenabhängig von 82 verschiedenen Medikamenten, chronisch heiser, Bluthochdruck, zuletzt Parkinson.
Auch sein Leib- und Hausarzt Theodor Morell konnte keine Abhilfe schaffen – dieser stank laut Zeugenaussagen selbst aus allen Poren.

Wen wundert es da noch, dass das stinkige Monster Adolf nur Schwachsinn im Kopf hatte?!
Wie zum Beispiel den Bau der „Welthauptstadt Germania“. Ein größenwahnsinniges, überdimensionales Berlin mit hässlichen Prachtbauten, Triumphbögen, dicken Säulen, breiten Straßen zum Salutieren und all dem anderen Bockmist. 
„Mittelpunkt des Großgermanischen Weltreichs“. Wie das klingt! Da will doch keener wohnen!
Das einzige, was heute davon noch übrig ist, ist dieses Schwerbelastungsdingsbums. Dieses stinkt laut meiner Aussage aus allen Beton-Poren nach unnötig. Schrecklich. Unfassbar. Grausam. Schwer belastend. Sinnbildlich für alles, was damals so abgegangen ist.
Ein Schwerbelastungssack. Was ein Mann sich so alles ausdenkt, um einen fehlenden Hoden zu kompensieren…

Fünf Sterne für unsere Nachfahren, wenn dieser Koloss von Tempelhof noch mindestens 1000 Jahre hier rum klotzt, als abschreckendes Mahnmal dafür, dass so ein grausame Scheiße nicht noch einmal gebaut wird.
Einen Stern für Adolf. Auf dem Walk of Shame!

Lykke Li geht nie ins Lykia

Durchschnittliche. Erste. Dates.
Mir gegenüber sitzt Durchschnitts-Bernd. Bernd ist Pressesprecher bei einem Verband und stammt ursprünglich aus Schwieberdingen in der Nähe von Stuttgart.
Ich versuche seinen Dialekt angestrengt zu ignorieren.

Die Bedienung ist blond, niedlich und nett.
„Was kann ich Euch bringen?“
Bernd bestellt Köstritzer Schwarzbier. Ich ein Red Bull.
„Schmeckt Dir das?“
„Nö. Aber ich bin müde. Und Club Mate haben Sie hier leider nicht.“
„Club Mate? Das trinken doch nur die ganz Coolen, oder?“
Aha.
„Hm. Ja. So ungefähr. Ich trinke es, weil ich Kaffee nicht wirklich mag. Und weil Cola zu süß ist. Und Koks ist mir dann doch wieder zu teuer.“
Er sieht mich irritiert an. Na, das kann ja ein spaßiger Abend werden. Bernd spricht offensichtlich kein zynisch. Dafür schwäbisch.

„Und, was machst Du so? Wenn Du nicht gerade mit der Presse sprichst?“ frage ich mäßig interessiert.
„Ich spiele Fußball. Und engagiere mich in der Jungen Union…“
Verdammte Kacke! Vor mir sitzt also CDU-Bernd. Können wir diese Verabredung an dieser Stelle beenden? Nein, können wir natürlich nicht.
Mein Red Bull ist schon wieder alle. Ich bestelle einen Tomatensaft und überschütte ihn mit zwei Tonnen Pfeffer.
„Du bist komisch“, sagt CDU-Bernd. „So anders…“
Aha.
Na, wenn ich mir Dein kariertes Hemd so ansehe, will ich das doch schwer hoffen.

CDU-Bernd erzählt von seiner Mama. Von Maultauschen und Spätzle. Von seinen beiden letzten Freundinnen. Die einzigen, die er ja hatte.
Wie die wohl hießen? Perlen-Paula? Perlen-Marie?
Er schwäbelt weiter. Sie waren beide blond. Sie waren beide Arzttöchter.
Hm. Aha.
Ich denke an meinen Vater, der beim Operieren immer drei Brillen von Rossmann übereinander trägt. Mir Bettwäsche von ALDI zum Geburtstag schenkt. Ralph Lauren höchstwahrscheinlich für einen Scotch hält. Und dem „Golf“ nur als Meeresbucht bei Nordamerika oder als Kleinwagen bekannt ist.
Ich bin somit keine klassische Perlen-Emily. Und sollte jetzt gehen.

Die bunten Lichter im dunklen Lykia spiegeln sich auf CDU-Bernds leichten Geheimratsecken. Die dümpelnde Musik läuft leise im Hintergrund, so dass ich jeden seiner langweiligen Sätze verstehen kann.
„Hast Du Hunger?“ fragt er.
„Nö“, antworte ich. Während mein Magen die Wahrheit knurrt.
Amerikanische Teenager küssen nicht beim ersten Date. Ich schon, wenn’s passt. Aber essen? Niemals! Spaghettisoße, die wie ein Schnurrbart unter der Nase klebt. Salatkräuter, die festgeklemmt das Gegenüber anlächeln. Nee.
Da es aber definitiv kein zweites Date mit CDU-Bernd geben wird, kann ich ja mal eine Ausnahme machen.
„Ich lade Dich auch ein…“. Ein schmieriges Grinsen umspielt seine Mundwinkel.
Aha.
Klassische Rollenverteilung also. Der Herr zahlt, die Dame lässt zahlen. Na dann.

Die Speisekarte ist dicker als CDU-Bernds Bibel.
Frühstück. Extras zum Frühstück. Rührei oder Omelette. Suppen. Vorspeisen. Salate. Kartoffelgerichte. Für unsere kleinen Gäste. Meinen die damit etwa mich?
Pizza. Nudelgerichte. Aufläufe. Reisgerichte. Vegetarisch. Fleischgerichte vom Schwein. Rumpsteak. Fleischgerichte vom Huhn. Pfannengerichte. Hamburger. Dessert. Kuchen.
Ich entscheide mich nach gefühlt drei Jahrzehnten für Nr. 345: Auberginen „Saloniki“ für 8,40 Euro.
Das sind „Auberginen mit Zucchini, Knoblauch und Champignons gefüllt (mit Senf, Rosmarin und Olivenöl) serviert mit Reis oder Salzkartoffeln und Tsatsiki“.
Vielleicht kann ich Vampir-Bernd ja mit einer doppelten Dosis Knoblauch zurück ins Schwabenländle vertreiben.

Die Bedienung ist jetzt noch niedlicher. Will sie nicht den Platz mit CDU-Bernd tauschen? Ich bestelle die Nr. 345 mit Salzkartoffeln.
Das Essen kommt 20 Minuten später. Auf circa 345 Tellern, Körben und Schüsseln. Statt Salzkartoffeln ein Hügel Reis. Schade. Abzug in der B-Note.
Am Nachbartisch rechts sitzen vier durchschnittliche Angewandteliteraturwissenschaftsstudentinnen und reden über ihre Bachelorarbeit.
CDU-Bernd ist trotz seines Masters immer noch Bachelor. Ich stelle mir das Poco-Domäne-Kinder-Schlafsofa in seiner Wohnung in einem Plattenbau irgendwo hinter dem S-Bahnhof Lichtenberg vor.
Links von uns sitzt ein anderes Date. Gott, dieses Wort! Verabredung. Treffen. Kennenlernen. Beschnupperung. Mäh.

CDU-Bernd redet ununterbrochen. Ich esse ununterbrochen. Sehr rosmarinlastig. Viel Sahne. Der Salat durchschnittlich. Tomate, Gurke, Eisberg. Der Tzaziki. Durchschnittlich. Besser zu Ousies nach Schöneberg gehen… Aber alles in allem: ok.
„Wie hälst Du das eigentlich aus in Neukölln? Zwischen all den Ausländern, Verrückten und Hartz-IV-Empfängern?“
Ein sahneschwangerer Pilz bleibt mir im Hals stecken.
Klischee-Bernd mit Klischee-Weltbild.
Ich sehe mich nach einem Notausgang um. Verdammt, ich wollte heute Abend wenigstens vögeln, wenn’s schon nicht der Mann für’s Leben ist. Aber ich vögel nicht mit Klischee-Bernds!
„Ich muss mal für kleine Schwedinnen…“

Auf der Toilette riecht es nach Seife. In der rechten Kabine ist das Klopapier alle. Zum Handewäschen muss man eine Hand ununterbrochen vor einen Sensor halten. Komisches Prinzip. Aber ich lerne schnell!
Ich sehe in den Spiegel. All der Aufwand. Die Haare. Das Eincremen. Die Unterwäsche. Alles für einen spießigen Halb-Nazi im Hemd. Jetzt hilft nur noch eins: ALKOHOL!
Der CDU-Patriarch zahlt schließlich. Da erlaube ich mir, doch auch mal einem Klischee zu entsprechen und lasse mich als Frau einfach mal aushalten. Immerhin muss ICH die CDU-Hornbrille AUCH aushalten!

Die Auswahl der Cocktails ist endlos. Einen „Swimming Pool“? Nee, zu luxuriös. Ich brauche etwas, das Abhilfe schafft!
Einen „Hurricane“, der diesen miesen Abend aufwirbelt? Das „19th Hole“, in dem ich versinken kann? Ein „Flying Cangaroo“ als Fluchtfahrzeug?
Oder einfach einen anderen Mann bestellen? Einen „White Russian“? Einen „Latin Lover“? Oder gar einen „Watermelon Man“?
Ich überlege, was CDU-Bernd wohl bestellen wird. Einen „Küsschen’s“? Einen „Erotica“? Einen „Affair“? Einen „Touch Down“? Einen „Sex on the Beach“? (Sorry, der musste sein…)
Oder gar einen „Viagra“?

Er bestellt einen „Big Boss“.
Aha.
Ich einen „Alex“. Vielleicht kann der ja mehr als Bernd.
Cocktails dauern. Und sind durchschnittlich gut. Immerhin mit Garnitur.
Ich lutsche möglichst unerotisch an einer Cocktailkirsche und sauge schmatzend am Strohhalm herum. Es hilft alles nichts. Der ungevögelte Bachelor-Bernd hat eh nur Augen für meinen Ausschnitt.
„Du hast so schöne Augen!“
Wow. Wahnsinnskompliment. Never heard before. Tell me more about that!
Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust. Meine Höflichkeit - und mein angepisstes Ego.

Letztlich siegt letzteres. Bevor Bernd das Brot gleich einen güldenen Ring zückt, um seiner Perlen-Emily einen Antrag zu machen, ergreife ich endlich die Flucht.
„Du, ich muss los. Ich treff mich jetzt gleich noch mit meiner Hardcore-Punkband am Hermannplatz zum Kiffen. Und morgen früh habe ich einen Arzttermin, weil sich mein Nippelpiercing entzündet hat.“
In Gedanken rülpse ich einmal laut wie ein Berggorilla.

Meine Höflichkeit und ich laufen zur S-Bahn. Das Lykia liegt hinter mir. Ein durchschnittlicher Ort für durchschnittliche Dates. Ein Ort für CDU-Bernds aus Schwieberdingen, die auch mal Großstadt spielen wollen.
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